Redebeitrag von Klaus Jordan am 24. Juni 2017

Demo gegen die rechtsextreme Sonnwendfeier auf dem Hof Nahtz in Eschede


Ich möchte gern die unsägliche Leit-Kulturdebatte ersetzen – eine Debatte, in der man sich schulterklopfend darüber verständigt, wie man am besten seinen Gartenzwerg vor den heranrückenden Vandalen schützen kann. -  ersetzen durch eine:   Es-tut-mir leid Debatte:

Weil ich glaube,  dass es außerhalb irgendwelcher Ideologischen Verrenkungen ein ganz bestimmtes Grundgerüst an Befindlichkeit geben muss, um in einer Diskussion über Flüchtlinge und ihre „Daseinsberechtigung“ Stellung zu beziehen:

Darum möchte ich allen Flüchtlingen, allen Gestrandeten, unterwegs Verschollenen und den unzähligen Hinterbliebenen ein paar Worte sagen:

Es tut mir leid, dass ich unser Wohlleben nicht mit euch teilen kann.

Es tut mir leid, dass ich/wir es nicht schaffen, legale Wege der Einreise zu schaffen.

Es tut mir leid, dass wir für unseren Wohlstand eure Rohstoffe ausplündern, eure Meere leerfischen und eure korrupten Machthaber unterstützen.

Es tut mir leid, dass wir euren Bauern die Geschäftsgrundlage entziehen, indem wir eure Märkte mit unseren billigeren Waren überfluten.

Es tut mir leid, dass unser Energiehunger auch euer Klima unlebbarer macht.

Es tut mir leid, dass wir eure Länder mit unserem Müll vergiften und für unseren Speiseplan eure natürliche Infrastruktur zerstören.

Es tut mir leid, dass wir euch als willige Arbeitssklaven missbrauchen.

Und es tut mir unendlich leid, dass wir es nicht schaffen, die Kriege eurer Herrschaftseliten und Stellvertreter zu beenden oder gar nicht erst zustande kommen lassen, stattdessen mit unseren Waffenexporten zusätzlich anheizen.

Es tut mir leid, dass unsere Geschichte euch immer nur als manipulierbare Randerscheinungen gesehen hat.

Es tut mir leid, dass ihr euch an irgendein mafiöses Netzwerk ausliefern und verkaufen müsst, um überhaupt eine Lebens- und Überlebenschance zu haben.

Und es tut mir leid, dass ihr als Menschen gar nicht mehr war genommen werdet und lediglich als bürokratisch optimierbares Sicherheitsrisiko einem Abschottungsgesetz nach dem anderen ausgesetzt werdet.

Und sehr, sehr leid tut es mir, dass wir all den Menschen, die euch ausbeuten, misshandeln, dem Tod ausliefern oder schlichtweg nur ignorieren nicht kräftig auf die Finger hauen können und zusammen so etwas wie einen solidarischen Umgang miteinander versuchen; gleichberechtigt, menschlich mitfühlend. Danke, bis in zwei Wochen in Hamburg.

Ansprache von Klaus Jordan am 17. Dezember 2016

Demo gegen die rechtsextreme Winter-Sonnwendfeier auf dem Hof Nahtz in Eschede


Kommt es mir so vor, oder stehen wir mit dem Rücken zur Wand.

Überall passiert das, wovor wir immer gewarnt haben. Der Hass aufs Ausländische wird salonfähig, deutsche Tugenden werden beschworen,

die Diffamierung wird zur akzeptierten Regelmäßigkeit,

das Nationale zum ausschließenden Pathos.

Ich muss zugeben, dass unsere Einschätzung, dass die Nazis ihr Gedankengut in irgendeiner beschworenen Mitte verankern könnten, falsch war. Dieses Gedankengut musste nicht erst dorthin transportiert werden, es war schon da. Es fehlten nur die eloquenten Anstachler und Aufhetzer.

Jetzt sind sie da, verkünden lauthals ihre Angriffslinien – Merkel – Lügenpresse – die da oben - als pawlowsches Reiz-Reaktionsthema. Doch dahinter verbirgt sich viel mehr:

Hetze gegen alles Kosmopolitische, die absurde Vorstellung einer nationalen Wirtschaft, welche ihre Gewinne dem deutschen Volke zu Gute kommen lassen; die Schuldzuweisungen an Schwache, genauso wie die Verdammung all derjenigen, die außerhalb ihrer biedersinnigen patriarchalischen Familiengrenzen leben wollen und leben.

Überhaupt haben diese Menschen es mit den Grenzen:

Grenzen gegen Migranten, Grenzen gegen Querdenker , Grenzen natürlich gegen Linke. sgn. 68er; Grenzen gegen Freizügiges, Vielfältiges, Forderndes; Grenzen für die eigene Gartenzwergkultur mit den Zaunpfählen Hass, Geschichtslosigkeit, Ressentiments, Intoleranz und  Kleingeistigkeit, resistent gegen Wahrheiten, nur aufmüpfig im Rudel und lenkbar bis zur Bewusstlosigkeit.

Ob Pegida, AfD oder Brexit, Trump, Kascinski oder Le Pen. Die Führungsriege für Volksverdummung und Kulturbarbarei steht Gewehr bei Fuß. Sie lassen die Muskeln spielen und die Massen tanzen. Sie bündeln den Zorn über Ungerechtigkeiten, soziale Spannungen und die hemmungslose Gier der Machteliten in dem Versprechen, die unerwünschten Ausländer draußen zu belassen und im eigenen Land erstmal ordentlich auf zu räumen. Die entfesselten Kräfte der Globalisierung sollen wieder unter nationalstaatliche Kontrolle gebracht werden, der propagierte Eigennutz wird zum Schutzpanzer gegen alle Unbillen der gesellschaftlichen Realität.

Der Staat dafür muss natürlich erst geschaffen werden, irgendwer muss ja schließlich Mauer, Abschottung und rigide Auslese garantieren. Erstmal aber das reicht schon, um all die politischen Kräfte in Zugzwang zu bringen, die bisher den Alleinvertretungsanspruch fürs „Ohr am Volk“ für sich zu reklamieren.

In einem hektischen Aktivismus hagelt es Verordnungen und Gesetze, vorher anrüchige Staaten werden zu sicheren Herkunftsländern erklärt. Geld wird locker gemacht, um Länder zu bestechen, oder die Grenzanlagen zu verbessern, Geld gibt es auch für schnellere Abschiebungen, Geld um im Schnellverfahren Abfertigungspersonal auszubilden. Die Flüchtlinge sind erstmal aus den Schlagzeilen verschwunden außer sie werden kriminell, Zahlen wandern hin und her, Lager werden geschaffen, und und und.

Ein paar fügen sich ein in das Korsett der leitkultursalbadernder Integrationsbemühungen, der große Rest wird wie Abfall behandelt, außerhalb jeder Gesetzlichkeit stehend, bar jeder Individualität.- Menschen ohne Identität und ohne Eigenschaften.

Und wir? Frei nach Carl Schmitt, dem Vordenker aller Nationalisten.

Wir sind wieder, wer wir sind, weil wir einen gemeinsamen Feind haben.

Da kommt einem doch die Galle hoch und bei mir verfestigt sich die Meinung, dass man dem „Wut und Blutbürger“ nicht diskursiv die ach gott o gott Angst nehmen, sondern im und seinen Spießgesellen gepflegt vors Knie treten sollte.

Fröhliche Weihnachten