Ansprache von Wilfried Manneke vor dem von Neonazis besetzten "Landhotel Gerhus".

 

Liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter!

 

Wir stellen uns einer Bewegung in den Weg, die keinen Hehl aus ihrer Begeisterung für den Nationalsozialismus macht. Deshalb wollen wir den heutigen Nazis weder in unserer Region noch sonst wo Raum lassen.

 

Die Nazis haben über sechs Millionen Menschen in Konzentrationslagern ermordet. Sie haben Europa und die Welt mit einem Krieg überzogen, der Millionen Menschen das Leben kostete – auf den Schlachtfeldern in Luftschutzbunker oder in den Gefängnissen der Gestapo. Unser Land trägt noch heute die Narben der Nazi-Diktatur und ihrer unbeschreiblichen Verbrechen. Es gibt kaum eine Familie hier in Unterlüß, Eschede, Fassberg oder sonst wo in Deutschland, die keine Opfer aus dieser Zeit zu beklagen hat.

 

Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 waren die ersten Häftlinge der neu eingerichteten Konzentrationslager Gewerkschaftsmitglieder, Kommunisten und Sozialdemokraten. Sie wurden durch Inhaftierung, Misshandlung oder Einschüchterung von jedem Widerstand abgehalten.

 

Obwohl die heutigen Nazis diese Geschichte kennen, verherrlichen sie den Nationalsozialismus. Wie damals pflegen sie den Aufbau von Schlägertrupps, die sie Kameradschaften nennen. Sie ziehen grölend durch unsere Städte. Sie verprügeln Menschen, die sie als Ausländer betrachten. Sie haben Menschen aus fahrenden Zügen geworfen und Obdachlose umgebracht.

 

Seit der Wiedervereinigung 1990 wurden in Deutschland mindestens 143 Menschen von Rechtsextremen umgebracht. Die Opfer waren hauptsächlich Migranten, Obdachlose und Linke. Sie wurden von Schlägern der extremen Rechten zu Tode geprügelt, erschlagen oder verbrannt. Im benachbarten Eschede wurde Peter Deutschmann vor elf Jahren von zwei Neonazis erschlagen.

 

In Niedersachsen suchen die Neo-Nazis schon seit langem nach einem passenden Gebäude, das sie als Schulungszentrum nutzen können. Sie wollen dort ihre Ideologie an Menschen weitergeben, die dafür empfänglich sind. So sammeln sie die Entmutigten und Perspektivlosen. Sie versprechen ihnen Arbeitsplätze und eine schützende Gemeinschaft. Und sie haben damit Erfolg, besonders dort, wo Jugendliche um ihren Arbeitsplatz bangen oder für Hungerlöhne schuften müssen. Ihnen versprechen die heutigen Nazis einfache Lösungen, z. B. indem sie fordern: „Ausländer raus!“

 

Diese Forderung ist aber keine Lösung für die wirklichen Probleme unseres Landes. Diese Forderung ist nichts anderes als eine menschenverachtende Kampfansage. Deshalb müssen wir ihre Angriffe abwehren – in den Parlamenten, auf den Straßen, in den Schulen, Betrieben und Kasernen. Die Rechtsextremen gewinnen, wenn wir ihnen tatenlos zusehen. Sie gewinnen, wenn wir uns nur empört abwenden, statt ihnen entgegenzutreten.

 

Nehmen auch Sie an den Protesten gegen Rechtsextremismus teil. Helfen Sie mit, Mitbürger darüber aufzuklären, welch eine politische und auch existenzielle Gefahr für uns vom Rechtsextremismus ausgeht. Und vergessen Sie nicht: Im benachbarten Hetendorf hat der Protest bewirkt, dass Riegers Neo-Nazi-Zentrum letztlich doch geschlossen werden musste. Lassen Sie uns also erneut die rote Karte ziehen gegen Extremismus, Antisemitismus und Rassismus.

 

Ich nehme an Protesten gegen Rechts teil, weil Rechtsextremismus wesentlich aus zwei Elementen besteht: Rassismus und Gewalt. Beides gilt es zu verhindern. Beides widerspricht unserem christlichen Verständnis vom Umgang miteinander. Beides widerspricht auch unserem Grundsatz, dass Gott der Schöpfer aller Menschen ist, unabhängig von Hautfarbe, Religion oder kulturellem Hintergrund.

 

Ich schließe mit Worten von Pastor Martin Niemöller. Er war Theologe und ein führender Vertreter der Bekennenden Kirche. Wegen seines Widerstandes gegen den Nationalsozialismus haben die Nazis ihn 1937 verhaftet und ins Konzentrationslager Sachsenhausen gesteckt. Dort wurde er bis Kriegsende 1945 festgehalten. Nach seiner Befreiung schrieb er:

 

"Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist.

Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter.

Als sie die Sozialisten einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozialist.

Als sie die Juden einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude.

Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte."