Der Kampf um das "Landhotel Gerhus" in Faßberg


Anna Jander + Klaus Jordan von der „Mahnwache Gerhus“



Das „Objekt der Begierde“:

Mitten im Naturpark „Südheide“ gelegen steht ein ehemaliges Hotel und Ausflugslokal zum Verkauf. Die abgewirtschaftete Immobilie verfügt über ein attraktives Riesengrundstück mit vielfältigen Freizeitmöglichkeiten in abgeschiedener Randlage.

Die Interessenkonstellation:

Der Verkauf des aufgegebenen Hotelprojektes soll die Eigentümer mitsamt ihrem angehäuften Schuldenberg sanieren. Die meisten Kaufinteressenten planen zumeist soziale oder karitative Einrichtungen, zahlen aber eher weniger.

Ein Interessent plant ein Schulungszentrum für „arische Rassenreinheit“ und sonstige „völkische Fortbildungstugenden“ und ist auch bereit, genügend Geld auf den Tisch zu legen.

Die Beteiligten:

Eine abgewirtschaftete Hotelierfamilie mit guten Kontakten zur Naziszene; 

ein cleverer  Rechtsanwalt mit Namen Jürgen Rieger - Nazigröße, Stiftungsvorsitzender, Treuhandverwalter rechtsradikaler Gönner und ausreichend  vermögend;

eine hilflos wirkende Gemeinde, die hinter verschlossenen Türen nach einem geeigneten Käufer sucht, sprich verhindern will, dass das angedrohte Schulungszentrum Wirklichkeit wird; 

eine Bevölkerung, die hoffnungsvoll ängstlich bis skeptisch resignierend das Treiben ihrer politischen Vertreter in Land, Kreis und Kommune verfolgt.


Die Situation im Juli 2009:

Der Rechtsanwalt Jürgen Rieger besitzt seit Oktober 2008 einen unterschriebenen Kaufvertrag. Dieser wird zwar angezweifelt, eine rechtsverbindliche Verhinderung des Verkaufs erscheint aber unwahrscheinlich, mindestens aber sehr langwierig.

Die Nazis schaffen Fakten und besetzen unter Federführung der Celler Kameradschaft „Sturm 73“  am 17.7.2009 das leerstehende Hotel, „legitimiert“ durch einen rückdatierten Pachtvertrag. Mit Schwarz-Weiß-Roter Beflaggung und Parolen zum „nationalen Widerstand“ demonstriert die Rieger-Kamarilla ungeniert ihre nationalsozialistische Hassgesinnung.

Betroffene Bürger, direkte Anwohner und die örtlichen politischen Repräsentanten registrieren empört und entsetzt die Häme und den Spott der Nazis, die mit jedem Tag der „geduldeten“ Besetzung einen weiteren Sieg über das System, die Lügenpresse und den senilen „Gutmenschen“ auf „ihrem“ Grundstück feiern. Ein zweites „Hetendorf“ (ehemaliges Schulungszentrum der Wiking-Jugend, 1998 aufgelöst) nimmt Gestalt an.

25 km Luftlinie vom ehemaligen KZ Bergen-Belsen möchte die „Naziintelligenzia“ wieder einmal einen Stützpunkt einrichten, von dem aus sie ihre geistigen und körperlichen „Sturmtruppen“ fit machen kann in Sachen: Menschenverachtung, Gewissenlosigkeit, Rassismus und Gewalt.

Die Vorstellung in unsrer naturnahen Heideidylle beim Spazierengehen auf „sich ertüchtigende“ Nazitruppen zu stoßen ist erschreckend abstoßend. Was es für unsere benachbarte Romafamilie bedeutet, wollen wir uns gar nicht erst vorstellen. Als im Vorab geoutete „Antifas“ wären wir dazu noch konkrete Zielscheibe, eine uneingeschränkte Bewegungsfreiheit auf alle Fälle nicht mehr gegeben.

Wir können und wollen nicht mehr länger zuschauen und hoffen, dass sich alles wieder zum Guten wendet. Uns wird klar, dass wir selber ein Zeichen für einen irgendwie gearteten Widerstand setzen müssen.

Unsere Vorstellung ist einfach und direkt. Wir stellen uns mit einem Transparent gegenüber dem besetzten Hotel auf und zeigen den patrouillierenden Nazis, was wir von ihnen halten.

Die beobachtenden Polizeibeamten vor Ort sind von unserem Vorhaben wenig begeistert, müssen aber unsere Meinungsäußerung zulassen und so beginnt die „Mahnwache Gerhus“ am Sonntagnachmittag, dem 26.07.09, mit ihrem Protest. Wir sind 12 Leute, Freunde, Nachbarn, Anwohner und die Nazis lachen sich kaputt über unser kleines Häufchen.

Eine Telefonkette der benachbarten BI und die ländlich gut funktionierende Mundpropaganda bescheren uns weiteren Zulauf und den ersten Pressevertreter. Ab diesem Zeitpunkt können wir nicht mehr zurück. Unser Protest wird öffentlich und wir sehen uns mit einer Vielzahl unbekannter Probleme konfrontiert: Die offizielle Anmeldung beim Ordnungsamt und die Absprache mit der Polizei vor Ort setzen den Handlungsspielraum fest und diktieren die Regeln für  „unsere“ Mahnwache.

Öffentlichkeit herzustellen, sprengt unsere Anonymität und macht uns fassbar - auch für die Gegenseite. Wollen wir unser Anliegen transportieren, müssen wir Rede und Antwort stehen, vor Mikrophonen und laufenden Kameras.

Aus dem „jeden Tag mal ein Stündchen den Nazis unser Transparent vor die Nase halten“ wird ein tagesbeschäftigendes Rund-Um-Unternehmen.
Nachdem schon am 2. Tag unserer Mahnwache „SAT1“ und der „NDR“ vor Ort auftauchen, reißen in der Folgezeit Interview- und Reportagewünsche nicht mehr ab und natürlich fordert in zunehmendem Maße die regionale und überregionale Presse ihr Recht auf umfassende Information ein. Dazu trudeln immer mehr Solidaritätsbekundungen ein und auch die politische „Repräsentanz“ nimmt beständig zu. Die örtlichen kommunalen Vertreter stehen geschlossen hinter uns, genauso wie Vertreter von Kirchen und Gewerkschaften.

Das alles fühlt sich gut an für uns und wir gewinnen so etwas wie „Routine“. Unser Tagesablauf beginnt von nun an mit dem Klingeln des Telefons und wir koordinieren die Termine des Tages. Die neusten Entwicklungen werden abgefragt und die Presseveröffentlichungen registriert. Sehr wichtig für uns wird eine kurze Besinnungsphase, in der wir konzentriert über die „Losung“ des Tages nachdenken, also einer gedanklichen Linie für die zu erwartenden Gespräche und Interviews. Derart eingestimmt beginnt für uns beide der eigentlich wichtigste Teil unseres Protestes. Wir schultern unser Transparent und machen uns auf den Weg. Dieser kurze Fußmarsch soll zu unserem ureigenen „Pilgerweg“ werden.

In diesen 10 Minuten tanken wir die Kraft für den kommenden  Kommunikationstrubel und stärken unser Durchhaltevermögen für die weiteren Tage. Wir genießen die Einmütigkeit unserer Entscheidung und fühlen uns in unserer Gemeinsamkeit zutiefst verbunden. Das lässt uns stark werden und verdrängt Ängste und Unsicherheiten. Die Fenster aufzumachen und sich hinaus zu lehnen hat auch etwas Befreiendes und lässt uns das Leben spüren.

Der Rest ist die Weitergabe unserer „guten“ Gefühle. Und die werden zurückgegeben. Stetig wächst die Anzahl der Protestierenden, die Gespräche untereinander werden offener, ein Gemeinschaftsgefühl bildet sich, die „Mahnwache Gerhus“ wird zu einem festen Bestandteil des öffentlichen Lebens in unserer beschaulichen Heideidylle. Wegschauen ist nicht mehr;  Moral und Gewissen haben einen Platz gefunden und verschaffen sich unmissverständlich Gehör.

Die Nazis im besetzten Hotel registrieren die Entwicklung mit dümmlichem Unverständnis. Ihre „Hasskultur“ setzt auf Gewalt, Unterdrückung und menschenverachtende Säuberungsphantasien. Ein friedlich-fröhliches buntes Durcheinander unterschiedlichster Menschen und Meinungen hat in ihrem Weltbild keinen Platz. Dem entsprechend unfähig sind sie, das Potential zu erkennen, das hinter dieser offenen und gewaltfreien Form von Widerstand stecken kann.

Das wird sich spätestens dann geändert haben, als unser Radweg fast nicht mehr ausreicht, alle Protestierenden aufzunehmen, die Polizei auf der Straße Geschwindigkeitsbeschränkungen einrichten und die anliegende Ackerfläche zum Parkplatz umgewidmet werden muss.

Das Aus für die Besetzer kommt dann auch ziemlich schnell. Beschleunigt von so viel Bürgerwille und Protest beenden Justiz und Politik in einer entschlossenen Aktion am 04.08.2009 das illegale Treiben. – Nach Hetendorf eine weitere Schlappe für jene selbsternannten „Herrenmenschen“ und „besseren Deutschen" in ihrem wahnhaften Kreuzzug gegen das „artfremde Gesindel“ in unserem Land.

Für uns ein „Etappensieg“. Das juristische Tauziehen um Eigentumsrechte und Verträge ist mit der Räumung ja noch nicht beendet. Doch wir sind erst mal froh, diese „Nachbarn“ losgeworden zu sein.

Der Tod des Financiers Jürgen Rieger und eine abschließende Zwangsversteigerung beenden dann endgültig alle Naziträume von einem neuen Schulungszentrum in der Südheide und eine strapazierte Gemeinde kann sich zurücklehnen und sagen: „Wir waren das Faßberg, in dem die Nazis sich niedergelassen haben, jetzt sind wir das Faßberg, welches die Nazis vertrieben hat!“

Für uns hat dieser Protest Folgen:

Wir können nicht mehr zurück in unser altes unpolitisches Leben. Verantwortlichkeit beschränkt sich nicht mehr auf einzelne Aktionen. Wir mischen uns weiterhin ein und  begründen zusammen mit anderen Gruppierungen, Gewerkschaften und Kirchen das „Netzwerk Südheide gegen Rechtsextremismus“, planen Aktionen im benachbarten Eschede mit, organisieren Veranstaltungen und informieren die Öffentlichkeit.

Persönlich gewonnen haben wir neue Freunde und Bekannte, Ansichten und Einsichten, fühlen uns zugehörig, wichtig genommen und richtig.

Eben „Bunt statt Braun“!

Ach ja! Die Nazis haben dann doch noch mal auf uns reagiert. Mit zwei Anschlägen auf unser Haus wollten sie uns an ihr „Vorgestern“ erinnern, einschüchternd, gewalttätig und unsäglich dämlich.

Trotzdem:

Jeder kann Zeichen setzen, Farbe bekennen und Widerstand leisten. Es lohnt sich!

Anna Jander + Klaus Jordan von der „Mahnwache Gerhus“