Jürgen Rieger - Drahtzieher und Hintermann

Herausgegeben vom "Hermannsburger Arbeitskreis gegen Hetendorf 13"

Hermannsburg, im Juni 1997


Der Hamburger Rechtsanwalt Jürgen Rieger ist eine der schillerndsten Persönlichkeiten des deutschen Rechtsextremismus. Durch seine zahlreichen Kontakte zu den verschiedensten Organisationen des Spektrums gilt er darüber hinaus als Integrationsfigur. Rieger ist es auch, der hinter den Aktivitäten in Hetendorf 13 steht und diese laut niedersächsischem Verfassungsschutzbericht von 1995 „maßgeblich steuert".
 
Rieger wurde am 11. Mai 1946 in Blexen bei Oldenburg geboren. Die rechtsradikale Karriere des heute 51-jährigen begann in seiner Studentenzeit, als er 1968 der „Aktion Oder-Neiße" beitrat. In dieser Organisation, die gegen die Anerkennung der polnischen Westgrenze durch die Bundesregierung agitierte, brachte er es immerhin bis zum stellvertretenden Vorsitzenden. 1969 wurde er Funktionär des „Bundes heimattreuer Jugend", einer der „Wiking-Jugend" ähnlichen Gruppierung. Im selben Jahr verfasste Rieger die Broschüre „Rasse - ein Problem auch für uns", in der zum ersten Mal sein 'Hang zur rassistischen, pseudowissenschaftlich-begründeten Anthropologie deutlich wurde. Das Machwerk gipfelt in primitiven Phrasen wie „Es kann festgestellt werden, welche Rasse für bestimmte Aufgaben besonders geeignet ist (die Weißen z.B. in Berufen, wo Intelligenz verlangt wird, die Neger im Showbusineß)" und wurde 1972 von der Bundesprüfstelle auf den Index jugendgefährdender Schriften gesetzt.
 
1970 war Rieger Mitbegründer der „CSU-Freundeskreise" und betätigte sich dort unter anderem auch als Pressesprecher. Er entwickelte damals bei seinem Gang durch die verschiedensten rechten Gruppen und bei der Mitbegründung eben solcher eine geradezu sensationelle Geschäftigkeit. Nach einem kurzen Intermezzo als Referent bei der „Deutschen Volksunion (DVU)", begründete er schließlich 1972 zwei Organisationen mit, die  später noch bedeutsam für Hetendorf Nr. 13 werden sollten: den „Nordischen Ring" (inklusive dessen  europäischer Schwesterorganisation „Northem League") und die „Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung (GfbAEV)", der späteren Mitbesitzerin des Hetendorfer Zentrums, deren Vorsitzender von 1974 an Jürgen Rieger hieß.
 
1974 kam Rieger auch mehrmals mit dem Gesetz in Konflikt: zum einen wurde er wegen zweimaliger Körperverletzung zu einer Geldstrafe verurteilt, zum anderen verlor er aufgrund seiner vielseitigen Aktivitäten seine Anstellung beim Oberlandesgericht Hamburg. 1975 ließ er sich deshalb in Hamburg-Blankenese als Anwalt nieder. Mit der Zeit etablierte er sich dann zum führenden Verteidiger rechtsextremer  Straftäter vor Gericht. Fast alle namhaften Szene-Größen der letzten 20 Jahre kann er zu seinen  Mandanten zählen: so verteidigte er zum Beispiel  den kanadischen Ausschwitz-Leugner Ernst Zuendel, den als neuen charismatischen Führer der „Bewegung" gehandelten Michael Kühnen, die einschlägig bekannte Skinhead-Band "Störkraft", den ehemaligen Vorsitzenden der verbotenen „Nationalistischen Front" Meinolf Schönborn sowie zahlreiche weitere führende Persönlichkeiten. Bundesweites Aufsehen und Empörung rief 1981 sein Schlussplädoyer für den ehemaligen SS-Obersturmführer und Mitverantwortlichen für das Warschauer-Ghetto, Arpad Wiegand, hervor. Rieger bestritt damals u.a., dass „auch nur ein Jude im  Ghetto an Hunger gestorben wäre, wenn es mehr Solidarität unter den Juden gegeben hätte". Das gegen wegen dieser Äußerungen eröffnete Verfahren wegen „Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener" wurde 1987 eingestellt.
 
Unbeeindruckt bastelte der Unverbesserliche 1987 schon wieder an weiteren Aktivitäten. Er schrieb u.a. einen Beitrag zur „Missus-Schriftenreihe" des NPD-Funktionärs Hans-Michael Fiedler. Der Titel des Pamphlets lautete „Biologische Grundlagen deutscher Politik". Als Schlussbemerkung schrieb Rieger: „Deshalb ist es meine feste Überzeugung, daß die Ausländerfrage, obwohl sie größte Gefahr für unser Volk seit seinem Bestehen ist, die Geißel wird, die unser Volk aufreckt und dazu bringt, national und volksbewußt zu denken, sich auf das Eigene zu besinnen und das zu errichten, was wir alle erstreben und erhoffen: Ein einiges Volk und Reich!“
 
In dieser Zeit versuchte der sonst eher legalistisch auftretende Anwalt, seine Beziehungen zu militant-rechtsextremistischen Kreisen zu intensivieren. So wurde er Mitglied der paramilitärisch-neonazistisch auftretenden „Wiking-Jugend" und kooperierte mit der 1992 verbotenen „Nationalistischen Front". Für sie entwarf er die programmatische Schrift „Neun-Punkte-Plan zur Ausländerrückführung" und sprach auf einem Parteitag der NF im April 1991 zum Thema „Ausländer raus - wann und wie". Zudem fungierte er für zwei spektakuläre Szene-Ereignisse des Jahres 1991 als Anmelder: für den alljährlich stattfindenden „Rudolf-Hess-Gedenkmarsch" und für einen zunächst verbotenen Kongreß europäischer Revisionisten (Pseudo-Historiker, die versuchen, die Greuel des Dritten Reiches zu relativieren - MD) in München, dessen Stattfinden er durchsetzte.
 
Seine Bemühungen im neuheidnisch-völkischen Bereich und in Bezug auf den Ausbau der   "Volksbildungsstätte Hetendorf 13“ liefen parallel. 1989 wurde er Vorsitzender der „Artgemeinschaft“ -und  zugleich Schriftleiter des Vereinsorgans „Nordische Zeitung". Die Artgemeinschaft ist Hauptveranstalter der „Hetendorfer Tagungswoche", zu der Rieger seit 1991 persönlich einlädt. Er war auch schon in der Vergangenheit die zentrale Person hinter den Aktivitäten in Hetendorf gewesen. So hatte er als Funktionär des „Freundeskreises Filmkunst“ schon beim Kauf des Anwesens im Jahre 1979 seine Hände im Spiel gehabt. Als sich 1992 die Besitzverhältnisse änderten, war das auf seine Initiative zurückzuführen. Er bekleidet heute sowohl im Trägerverein von Hetendorf 13, dem Hamburger „Heide-Heim e.V.", als auch im Förderverein in Buchholz/Niedersachsen das Amt des stellvertretenden Vorsitzenden. Der Niedersächsische Verfassungsschutz bezeichnet im Bericht von 1993 sogar als „maßgebliches Vorstandsmitglied". 1990 versuchte er darüber hinaus, für die GfbAEV ein weiteres Grundstück in Hetendorf, das Haus Nr. 47, zu erwerben. Dies glückte aufgrund starker Proteste der Hetendorfer Bevölkerung, die befürchtete, von den Rechten "eingekesselt“ zu  werden, nicht. Den Zuschlag erhielt trotz niedrigeren Kaufgebotes ein Architekt aus dem Dorf. Rieger rächte sich. In alle Hetendorfer Briefkästen flatterte einige Tage später ein offener Brief des wütenden Anwalts an den Architekten. Einige Auszüge:
„Wir haben uns genau gemerkt, wer im Dorf uns verleumdet, gegen uns  gehetzt und sich gegen uns gestellt hat", "Wer Krieg haben will, soll ihn bekommen", "Rache ... muß kalt    genossen werden". 1993 folgte ein weiteres von Rieger an die Hetendorfer adressiertes Flugblatt, indem er behauptete, das Haus. Nr. 47 solle zum Asylantenheim ausgebaut werden. In aufhetzender Manier schrieb er, der Architekt solle „nun auch für die Folgen geradestehen, und jeder Hetendorferin und jedem Hetendorfer, die künftig an Leib, Leben, Gesundheit und Eigentum durch Asylbewerber geschädigt werden, aus seiner Tasche Schadenersatz zahlen". Rechtlich belangt werden konnte der findige Advokat, der es gewohnt ist, die juristischen Klippen im Meer der Hetzparolen zu umschiffen, dafür nicht.
Im Mai 1996 titelte die regional erscheinende „Cellesche Zeitung" mit einem Zitat des Präsidenten des niedersächsischen Landesamtes für Verfassungsschutz, Rolf-Peter Minnier: Hetendorf 13 sei durch das Verbot der Wiking-Jugend „eigentlich der Boden entzogen worden“. Der Pressesprecher der Behörde, Hans Rüdiger Hesse sprach gar davon, dass der Rechtsanwalt Rieger" das Interesse an Hetendorf verloren" habe. Was war passiert? Rieger hatte im schwedischen Smaland für 2.2 Millionen DM einen 650 Hektar großen  Gutshof erworben. In der Szene-Postille „Nation+Europa" suchte er daraufhin in einer Anzeige nach „bis zu 18 jungen deutschen Familien", die mit ihm in schwedischer Unberührtheit eine Art völkisch-ökologische Selbstversorgerkolonie gründen und dort „ein Leben nach eigener Art " führen wollen. Doch bis heute gibt es keine sicheren Anzeichen dafür, dass Rieger Deutschland endgültig den Rücken kehren will. Auf ein baldiges Ende des Neonazi-Treffpunktes Hetendorf 13 zu hoffen, scheint demnach verfrüht. Rieger selbst jedenfalls verkündete nur einen Monat nach der Aussage des niedersächsischen Verfassungsschutzpräsidenten auf der letztjährigen „Tagungswoche" zynisch gegenüber einer Gruppe von Gegendemonstranten: „Ich lade Sie herzlich dazu ein, nächstes Jahr wieder gegen die Tagungswoche zu demonstrieren.“

Quelle: Hetendorf 13 - Rechtsextremistisches "Heide-Heim" und
Schulungszentrum; Informations- und Pressemappe anlässlich der "Siebten
Hetendorfer Tagungswoche"; herausgegeben vom Hermannsburger Arbeitskreis
gegen Hetendorf 13; Hermannsburg / Hetendorf, Juni 1997.