Erinnerungen an Hetendorf 13

Demo gegen Neonazi-Treffpunkt "Hetendorf 13"

Pfarrer i.R. Hartmut Bartmuß

Pfarrer i.R. Hartmut Bartmuß

(Gemeindepastor in Hermannsburg von 1993 - 2003)


Bielefeld, im März 2021


Im Sommer 1993 habe ich eine Pfarrstelle an der ev.-luth. Großen Kreuzkirche in Hermannsburg übernommen. Bei der Ev.-Luth. Großen Kreuzkirchengemeinde handelt es sich um eine Kirchengemeinde der Selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK). Von Bielefeld kommend, war mir das Problem Neonazismus nicht neu. Wir hatten die Leute zeitweilig in der Bielefelder Bleichstraße, wir hatten mit der Nationalistischen Front (NF) zu tun und kannten deren Versuche, sich an den Externsteinen (und nicht nur dort) zu etablieren. Kurz nach dem Dienstantritt in Hermannsburg erfuhr ich von den Vorgängen im Zentrum Hetendorf 13 und den entsprechenden Umtrieben des Hamburger Juristen Jürgen Rieger, der im noblen Hamburger Stadtteil Blankenese seinen Wohnsitz hatte und in der gleichen Villa befand sich auch seine Kanzlei. Im inzwischen abgerissenen "Völkers Hotel" gab es eine Informationsveranstaltung unter der Leitung des Hermannsburger Gymnasiallehrers Norbert Peters und da war mir schnell klar geworden, dass ich mich in die Reihe derer einfügen werde, die dem Nazizentrum den Kampf angesagt hatten, mit dem Ziel, das Zentrum zu schließen, in dem verschiedene rechtsextremistische Zusammenschlüsse ihr Unwesen getrieben haben.

Da alle meine diesbezüglichen Unterlagen inzwischen archiviert worden sind und sich nicht mehr im Haus befinden, schreibe ich hier mit dem Mut zur Lücke aus dem Gedächtnis. Alsbald wurde aus einem losen Zusammenschluss der Arbeitskreis Hetendorf 13 (AK H13), dem sich auch u.a. die Celler Antifa angeschlossen hatte; getagt wurde in Räumen der Großen Kreuzkirchengemeinde. Wir hatten mitunter unterschiedliche Ansichten, aber das gemeinsame Ziel hat uns immer verbunden. Wir haben uns nicht auseinanderdividieren lassen. Zunächst fanden wir bei den kommunalen Stellen nicht die erhoffte Zustimmung zu unseren Aktionen, z.B. Mahnwachen und "Spaziergänge". Das Verhältnis zu unserer Hermannsburger Polizei war gut, zu den angereisten Polizeikräften zunächst nicht immer, für die - so der Eindruck - mitunter die Gegendemonstranten nur eine Kehrseite einer Medaille gewesen sind.

Unvergessen neben vielen anderen ist und bleibt mein leider viel zu früh verstorbener katholischer Amtsbruder, der Pfarrer Johannes Lossau, der seinen Sitz in Bergen (Landkreis Celle) hatte. Er war einer, der im Ermland Pferdeknecht gewesen war, in den fünfziger Jahren mit der Familie in die alte BRD ausreisen durfte und der dann nach einer auf dem Zweiten Bildungsweg erworbenen Hochschulreife in Bad Driburg Theologie studieren und Priester werden konnte. Zu ihm sagte ich einmal: "Wenn die mal ans Ruder kommen, werden wir beide im gleichen Zug sitzen". Johannes Lossau: "Bruder Bartmuß, ich bete schon lange für meine Mörder." Wer auf unserer Seite stand, das war der damalige niedersächsische Innenminister Gerhard Glogowski. Johannes Lossau hatte eine Telefonnummer des Ministers, damit er ihn im Bedarfsfall d i r e k t erreichen konnte. Das spricht für sich.

Unsere Aktionen waren vielfältig und phantasievoll. Die Dorfjugend organisierte während der rechtsextremen „Hetendorfer Tagungswoche“ ihre "Spiele ohne Grenzen". Kranzniederlegungen am Kriegerdenkmal im benachbarten Ortsteil Bonstorf wurden - nach einem Versuch - dadurch verhindert, dass die Bonstorfer ihrerseits, bevor die von H13 gekommen sind, wie immer ihre Kränze niedergelegt haben. Bei Mahnwachen haben wir auch Andachten gehalten und einmal haben wir denen die Nationalhymne entgegen gesungen.

Bei einer kleinen Mahnwache mussten wir erleben - es war nur ein Polizist anwesend - dass Jürgen Rieger mit Frank Rennicke und anderen das Gelände verlassen hatte. Rieger hielt eine Hetzrede und Rennicke sang dazu entsprechende Lieder.

Einmal stand ein inzwischen verstorbener Anhänger von H13, ein Landwirt aus der Gegend um Bremen, vor meiner Tür und wollte von mir Schadenersatz; er hatte versucht, eine Sperre der Antifa zu umfahren und sein Auto wurde mit Kartoffeln beworfen, eine Scheibe war dabei zu Bruch gegangen. Er bekam natürlich nix.

U.a. bin ich im Internet bedroht worden. Ein "Schinderhannes" stellte u.a. klar, dass man sich meiner "gebührend" erinnern würde. Eine Anzeige hatte keinen Erfolg, da ich nicht mit einer konkreten Straftat bedroht worden wäre. Es war die Antifa Celle, die Klarnamen, Geburtsdatum und Adresse von "Schinderhannes" ermitteln konnte. Man wusste nun wenigstens, wer er war.

Zu einer der rechtsextremen Tagungswochen (Wachen von H13 schossen mit Leuchtspur Richtung Journalisten) hatten sie ihre Zäune wieder mit Planen als Sichtblenden versehen. Auf dem Gelände standen Pkw aus verschiedenen europäischen Staaten. Da konnte ich wegen der Fernsehaufnahmen erneut unseren Kirchenvorsteher, den Elektromeister Hans-Heinrich Kaiser, gewinnen. Der kam mit einem Gerät, Kameramann kam in den Korb und konnte dann aus einer Höhe von mehreren Metern das ganze Gelände einsehen.

Der Zorn derer von H13 war groß. Mitunter kam es seitens einiger weniger junger angereister Gegendemonstranten zu Fehlverhalten und das machte die Dorfbewohner sehr skeptisch. Wir konnten im AK H13 darüber sprechen und es wurde seitens der Antifa dafür gesorgt, dass bei Disziplinlosigkeiten die Ordner ohne zu zögern ihres Amtes gewaltet haben.

Im Februar 1998 kam ich morgens aus der örtlichen Volksbank und ein Auto hielt an. Die mir bekannte Journalistin Andrea Röpke rief mir zu, dass H13 eben geschlossen worden wäre. Ohne zu zögern fuhr ich hin und tatsächlich: Unsere Proteste hatten Erfolg und unser Verbündeter, Gerhard Glogowski, hatte dies später auch gerichtlich bestätigte Schließung durchsetzen können.

Noch eine Kleinigkeit: Hetendorf gehörte zu meinem Seelsorge-Bezirk und so habe ich dem Hausmeisterehepaar Koch von H13 ein Gespräch angeboten, das auch stattgefunden hat, allerdings ohne Erfolg. Man hatte mich aber über das Gelände und auch teilweise in einzelne Räume geführt. Die von H13 später: "Der Hetzpfaffe hat spioniert".
 
Pfarrer i.R. Hartmut Bartmuß (Gemeindepastor in Hermannsburg von 1993 - 2003)