Achtung aufgepasst!

Rechtsextreme mischen sich
am Straßenrand unter Passanten.

Am vergangenen Samstagvormittag (19.9.2020) war ich in Eschede, um den Aufmarsch der NPD zu beobachten. Nur fünf NPDler waren mit ihrem Lautsprecherwagen gekommen. Ein riesiges Polizeiaufgebot schützte sie. Ihre Abschlusskundgebung fand in der Rebberlaher Straße statt, direkt an der B 191. Ich stand auf der gegenüberliegenden Seite und konnte von dort aus den NPD-Auftritt gut verfolgenen.
 
Neben mir stand ein Mann im roten Pulli. Plötzlich ergriff er lautstark das Wort. Die NPD sei ja nicht verboten, meinte er, deshalb müsste man NPD-Redner Sebastian Weigler auch zu Wort kommen lassen. Er ärgerte sich über eine kleine Gruppe von Antifa-Leuten, die mit Trillerpfeifen versuchten, den Redner zu übertönen.
 
Er sei erst vor kurzem nach Eschede gezogen, sagte mein Nachbar im roten Pulli. Seine beiden Töchter würde er wegen der Antifa schon nicht mehr alleine auf die Straße lassen. Eine Frau, die anscheinend zu ihm gehörte, fügte noch hinzu: „Die Antifa hat sogar in unseren Garten gepisst.“
 
Ich erklärte den beiden, dass meines Erachtens von der NPD eine größere Gefahr ausgehen würde als von der Antifa. Deshalb wäre ich heute auch gekommen, um gegen den Auftritt der NPD zu protestieren.
 
Betretendes Schweigen. Doch schon begann mein Gesprächspartner mit einem neuen Thema. Er schimpfte über Geflüchtete. Das wären ja alles nur Schmarotzer, meinte er. Er bekannte sogar, für alle Umstehenden deutlich hörbar, dass er deshalb auch die AFD wählen würde.

Ich hielt dagegen, dass die meisten Geflüchteten vor Krieg, Not und Verfolgung geflohen wären. „Ich bin froh, dass sie sich retten konnten“, sagte ich zu ihm. Eine ältere Frau, die unser Gespräch verfolgte, stimmte mir zu.
 
In dem Moment beendete der Sebastian Weigler seine Ansprache. Die fünf NPDler setzten sich in ihren Lautsprecherwagen und fuhren davon. Als ich mich umdrehte, waren auch mein Gesprächspartner im roten Pulli und seine Begleiterin verschwunden, spurlos.

NPDler attackieren Journalisten vorm NPD-Hof

 Am Nachmittag ereignete sich vor dem NPD-Hof in Eschede ein bedrohlicher Zwischenfall. NPDler attackierten mehrere Journalisten. Nur mit Mühe gelang es der Polizei, die Journalisten zu schützen. Einer der Journalisten konnte den Vorfall filmen. Er stellte das Video ins Netz.
 
Als ich mir am nächsten Tag den Film anschaute, staunte ich nicht schlecht, den Typen im roten Pulli wiederzusehen. Er war einer der Rechtsextremen, die die Journalisten attackiert hatten. Erst jetzt wurde mir klar, dass er am Vormittag nicht als neugieriger Passant am Straßenrand stand, um den NPD-Aufmarsch zu beobachten. Nein! Er gehörte zur NPD-Gruppe, die mit ihrem Aufmarsch die Escheder Bevölkerung aufmischen wollte. Er stand aber nicht mit den anderen am Lautsprecherwagen, sondern ganz bewusst unter den Passanten. Dort führte er das Wort.

Die „Wortergreifungsstrategie“ der extremen Rechten

Unwillkürlich wurde ich an die „Wortergreifungsstrategie“ der extremen Rechten erinnert. Der Begriff selbst stammt aus dem Umfeld der NPD und umfasst im rechtsextremen Jargon die Absicht, die Deutungshoheit über soziale, politische und historische Themen zu erlangen sowie Agitation in eigener Sache zu betreiben.
 
Genau das habe ich am Samstagvormittag in Eschede live erlebt: Die Anwendung der Taktik, das Wort zu ergreifen und Themen mit rechter Ideologie zu besetzen. Dabei ist es sogar eine beliebte Gesprächstechnik der Rechtsextremen, die Themen schnell zu wechseln. Sie äußern einen ihrer üblichen Sprüche, z.B. gegen Geflüchtete. Stellt man etwas dagegen oder fragt nach, wissen sie oft nicht weiter und "hüpfen" schnell zum nächsten Thema. Wer jetzt „hinterherspringt“, hat verloren. Stattdessen sollte man sagen: "Du fängst jetzt mit einem neuen Thema an. Heißt das, dass das Du keine Argumente mehr hast?"
 
Die „Wortergreifungsstrategie“ ist ein politischer Kampfbegriff der extremen Rechten. Er zielt darauf ab, das Image vom gewalttätigen Neonazi zu verändern, hin zum argumentierenden "guten Bürger".

Wachsam sein!

Bei den NPD-Aufmärschen in Eschede erscheinen eben nicht nur fünf oder neun Hansel mit ihrem Lautsprecherwagen. Weitere NPDler stehen am Straßenrand und mischen Passanten auf. Auf diese Weise versuchen sie, Stimmung zugunsten der NPD zu machen. 
 
Um solche Angriffe zu verhindern, ist es unerlässlich, sich über die Abwehr solcher Störungen zu informieren. Im Internet finden sich unter dem Stichwort "Streiten mit Neonazis" nützliche Hinweise und Handreichungen. Eigentlich ist der Dialog mit rhetorisch geschulten Rechtsextremen von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Dennoch weisen Aussteiger aus der rechtsextremen Szene nachdrücklich und wiederholt daraufhin, dass sie durch überzeugende Gegenargumente zum Nachdenken gebracht wurden.
 
Wilfried Manneke
Netzwerk Südheide gegen Rechtsextremismus